Der schleichende Tod des Stadions am Hermann-Löns-Weg

0
727
Das Stadion am Hermann-Löns-Weg kurz vor dem Abriss (April 2018)
Das Stadion am Hermann-Löns-Weg kurz vor dem Abriss (April 2018)

Das Stadion am Hermann-Löns-Weg in Solingen war früher eines der schönsten Stadien in der Bergischen Region. Mittlerweile wurde die Spielstätte sich selbst überlassen und verfällt. In naher Zukunft muss es für eine Wohnsiedlung weichen. 

Es ist fast unmöglich, beim laufen über die alten Stehplatzränge keine Geräuschkulisse zu erzeugen. Zerberstende Äste bei fast jedem Schritt, begleitet von Vogelzwitschern in der Abenddämmerung. Am alten Kassenhäuschen treibt sich eine Gruppe Jugendlicher rum. Geschrei und Lachen ertönen fast simultan, gefolgt von klirrenden Bierflaschen. Außer diesem Geräusch erinnert in Solingen nicht mehr viel an den Bundesligafußball, der im Stadion am Hermann-Löns-Weg einst gespielt wurde. Seinen Charme hat das Union-Stadion dennoch nicht verloren – oder gerade deswegen behalten.

Das Stadion liegt inmitten des Solinger Vogelparks im Naturpark. Einsam und verschlafen, sich völlig selbst überlassen. Schon von weitem sind die noch stehenden Flutlichtmasten am Hermann-Löns-Weg zu erkennen. Jeder der vier Masten ist 32 Meter hoch und lässt darauf schließen, dass Solingen einst zu den klangvolleren Adressen im deutschen Fußball gehörte. „Entschuldigung, wovon machen Sie hier bitte ein Foto?“, fragt mich eine Anwohnerin. Als ich ihr zu verstehen gebe, dass ich nur den Flutlichtmast fotografiere und weder sie, noch ihre Hauseinfahrt auf dem Bild zusehen sind, winkt sie ab.

Der Flutlichtmast des Stadion am Hermann-Löns-Weg überstrahlt die Wohnsiedlung
Ein Flutlichtmast des Stadions am Hermann-Löns-Weg überstrahlt die Wohnsiedlung. Er ist 32 Meter hoch

Ich zeige ihr das Foto. „Ach, sie sind auch so einer.“ Einer von welchen? „Einer von denen, die extra nur für das alte Stadion kommen.“ Früher kamen bis zu 16.000 „von denen“. Zum Beispiel, als Union Solingen im Viertelfinale des DFB-Pokals am 18. Februar 1985 auf Borussia Mönchengladbach traf. Die Fohlenelf, trainiert von Jupp Heynckes, entging der Blamage nur knapp. Am Ende eines hart umkämpften Spiels stand ein 2:1-Auswärtserfolg beim Zweitligisten aus Ohligs, dem westlichsten Stadtteil Solingens.

Keine Verwendung mehr für das „HLW“

25 Jahre später, am 30. Mai 2010, wurde das letzte Spiel im „HLW“ (von Hermann-Löns-Weg) getauften Stadion ausgetragen. Union Solingen hatte den KFC Uerdingen zu Gast – und ein gewisser Aílton Gonçalves da Silva, besser bekannt als Aílton, traf bereits in der 6. Minute für die Krefelder. Am Ende gewann der KFC mit 6:3. Den knapp 500 anwesenden Zuschauern wird nicht in den Sinn gekommen sein, dass sie gerade Zeuge des „Endspiels“ im Stadion am Hermann-Löns-Weg geworden sind.

Das Stadion im groundspotting-Video
Das Stadion am Hermann-Löns-Weg im Video-Portrait:

2018 sind die großen Zeiten des Solinger Fußballs längst Geschichte. Insgesamt vier Bezirksligisten stellt die „Klingenstadt“, die anderen Vereine spielen noch tiefer. Die Stadt hat keine Verwendung mehr für so ein großes Stadion mit vier Flutlichtmasten. Von ehemals 16.000 möglichen Zuschauern sind ohnehin nur noch 5000 zugelassen. Das einer der Solinger Fußballvereine so ein Fanaufkommen generieren wird mutet utopisch an. So realistisch war auch die Stadt und veräußerte das Stadion samt Grundstück vor einiger Zeit an einen externen Investor. Die Kaufsumme betrug knapp 3 Millionen Euro. Da mit dem Stadion kein Profit zu erwirtschaften ist muss die Spielstätte bald einer Wohnsiedlung weichen. Der Abriss läuft langsam an, die ersten Bäume wurden bereits Opfer der geplanten Modernisierung. Bald trifft die Abrissbirne auch die alte Haupttribüne, die extra für die zweite Liga gebaut wurde. 2020 sollen die Neubauten bezogen werden können.

Die Natur breitet sich im Stadion am Hermann-Löns-Weg aus

Im Stadion am Hermann-Löns-Weg selbst erinnern nur noch wenige Stellen an die einst glorreichen Zeiten des Vereins. Abblätternde Werbebanden fallen auf den Rasen, aus der Sprecherkabine ragen Kabel heraus. Einige Fenster wurden Opfer von Vandalismus und sind gesplittert, andere fehlen komplett. Vergilbte Zeitungsausschnitte und Poster, die irgendwer einmal an eine Wand in den Katakomben unter der Haupttribüne aufgehangen hat, sind die letzten Überbleibsel der glorreichen Fußball-Zeit in Solingen. Das Flutlicht erlosch bereits 2009 und somit schon ein Jahr vor dem ungewollten „Abschiedsspiel“. Ersatzteile für die Anlage fehlten, eine Instandsetzung war somit nicht mehr möglich. Die vier Masten sind nur noch überdimensionale Staubfänger ohne Funktion.

Das alte Bratwursbüdchen im Stadion am Hermann-Löns-Weg
Das alte Bratwursbüdchen im Stadion am Hermann-Löns-Weg

Seit 2010 erobert die Natur das Areal am Hermann-Löns-Weg zurück, verwandelt das „HLW“ in einen sogenannten „Lost Place“. Die Stehplatz-Traversen, die sich um das ganze Stadion ziehen, sind mit Pflanzen und herabgefallenen Ästen überwuchert. Die Rasenfläche wirft allerlei Pflanzen ab. Zwar wird der Rasen regelmäßig gemäht, aber die Fläche nicht mehr gewalzt. Dadurch drückt das Grundwasser nach oben und verwandelt das Stadion in eine Art riesiges Wasserbett. Somit ist auch ein Abschiedsspiel im Stadion am Hermann-Löns-Weg nicht möglich. Die letzte Ehre wird der Spielstätte vor ihrem Abriss also verwehrt bleiben.

Die groundspotting.de Fotogalerie zum Stadion am Hermann-Löns-Weg

Stadion am Hermann-Löns-Weg Solingen (Union Stadion)

Fotos des Stadion am Hermann-Löns-Weg in Solingen (Union Stadion). Alle Fotos wurden kurz vor dem Abriss des Stadions im April 2018 geschossen.

Das Stadion am Hermann-Löns-Weg kurz vor seinem Abriss aus der Luft
Das Stadion am Hermann-Löns-Weg kurz vor seinem Abriss aus der Luft
Das Stadion am Hermann-Löns-Weg kurz vor seinem Abriss aus der Luft
« 1 von 18 »

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

avatar
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu: