Vom Pfeifrecht zum Faustrecht? Über Gewalt im Amateurfußball

0
36
Linienrichter (Symbolfoto)
Linienrichter (Symbolfoto)

Die Wirkung des Fußballs als Quelle von Fairness, Zusammenhalt und Integration wird seit Jahren immer wieder durch Gewalt im Amateurfußball erschüttert. „Blindschleiche, Schieber, Vollidiot“: Ins Kreuzfeuer geraten schnell und gerne die Schiedsrichter. Bei Beleidigungen bleibt es oft nicht, doch stimmt der Trend weg vom Pfeifrecht zum Faustrecht wirklich?

Der Spieler nimmt sein Ziel fest ins Visier und setzt zum Spurt an. Seine Mannschaft steht kurz vor dem Abstieg, das letzte Stündlein hat geschlagen. Doch der Spieler scheitert und wird im letzten Moment gestoppt. Allerdings ist es nicht der Gegner, der ihn bremst, sondern die eigenen Teammitglieder. Im Nachhinein ist es sein Glück.

Glück bei den einen, Krankenhaus bei den anderen

„Es war das erste Mal während meiner Laufbahn, dass ich wirklich Angst hatte“, versetzt sich David Hennig mit Unbehagen zurück in die Situation vor einigen Jahren auf einem Herner Fußballplatz. Der Spurt, Wut und Hass in den Augen, der versuchte Angriff: sie galten ihm, er war das Ziel, der Mann in schwarz mit der Pfeife im Mund. Die ertönte damals in der A-Jugend-Abstiegspartie gleich mehrfach, als Hennig den Spieler nach zwei schweren Fouls mit der Gelben Karte und einer Zeitstrafe belegte. Der Jugendliche sah Rot, und das in doppelter Hinsicht. Er beleidigte Hennig, kassierte den endgültigen Platzverweis und verlor die Fassung. Der Unparteiische hatte Glück und kam ohne blaues Auge davon, schlimmer erging es da einigen seiner Kollegen.

Dezember 2012: Im bayrischen Rosenheim neigt sich ein Spiel seinem Ende zu, der Schiedsrichter stellt zwei Kicker der Hausherren vom Platz. Die fangen sofort an zu prügeln, sowohl der Spielleiter als auch der Trainer der Gäste kommen ins Krankenhaus. Der Unparteiische kämpft monatelang um sein Augenlicht, zurück bleiben bei ihm schwere Depressionen.

November 2013: Im schwäbischen Mengen leitet ein 16-jähriger Schiedsrichter eine Jugendpartie und ermahnt sowohl einen Spieler als auch seinen Vater. Der verliert die Beherrschung und tritt den Unparteiischen in den Unterleib. Der 16-Jährige verliert das Bewusstsein und findet sich im Krankenhaus wieder.

Herbst 2014: Thomas Kahle stirbt fast, als er in einem Braunschweiger Kreisklasse-Duell einen Akteur des Feldes verweist. Erst wird der Schiedsrichter bespuckt, dann kassiert er einen Treffer am Kehlkopf. „Die Ärzte haben gesagt: ‚Ein halber Zentimeter, und du wärst tot gewesen'“, äußert sich Kahle in der ARD-Dokumentation „Kreisklasse – Wenn der Schiedsrichter zum Freiwild wird.“

November 2014: Helmut Dohse liegt bewusstlos in seinem eigenen Blut, nachdem ihn ein Freizeitkicker während eines Spiels in Essen von hinten per Faustschlag niedergestreckt hatte. Dem doppelten Kieferbruch mit der Gefahr einer Teil-Gesichtslähmung folgt vier Monate später das Comeback.

Beunruhigende Umfrageergebnisse

Die vier Fälle stehen stellvertretend für eine ganze Reihe schwerwiegender Gewalttaten gegenüber Unparteiischen in den vergangenen Jahren. „Vor allem die Qualität der Gewalt nimmt zu“, äußert sich David Hennig besorgt. Der 32-Jährige weiß, wovon er spricht. Seit 14 Jahren pfeift Hennig von der Kreis- bis zur Regionalliga, gibt den Schieds- und Linienrichter. Seine Erfahrungen beschreibt er in seinem eigenen Blog. Dazu bildet er als Lehrwart die nächste Generation aus, negative Berichte kommen ihm dabei immer wieder zu Ohren. „Ich höre viel von psychischer Gewalt, unterschwellige Beleidigungen seitens der Zuschauer zum Beispiel“, erzählt Hennig, eine Studie stützt die Aussagen des gebürtigen Wanne-Eicklers.

Die Umfrage unter 915 Schiedsrichtern, die der Frankfurter Psychologie-Student Adrian Sigel Ende 2015 im Rahmen seiner Masterarbeit durchführte und die unter anderem bei spiegel.de erschien, zeichnet ein nicht repräsentatives, aber dennoch beunruhigendes Bild. Die Kernaussagen: 95 % der Befragten seien auf dem Platz schon einmal beleidigt worden, knapp 20 % davon sogar häufig respektive sehr häufig. 27,5 % der Unparteiischen erlebten bereits körperliche Gewalt gegen sich und fast 70 % bejahten die Aussage, dass Aggressionen im Amateurfußball in den letzten Jahren zugenommen hätten.

Weiterlesen auf Seite 2: Gewalt im Amateurfußball: Gefährlicher Trend oder Horrorszenario?

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

avatar
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu: